Aus dem Werkraum: Schreibtisch

In die Jahre gekommen und ohne Schublade wurde dieser Schreibtisch von seiner neuen Besitzerin vor dem Spermüll gerettet und hat einen Zwischenstopp in meinem Werkraum eingelegt.

Die Zarge des Tisches wurde in der Vergangenheit achtlos mit Klebstoff auf Polyurethan-Basis „geflickt“.

Der aufschäumende Leim sollte wohl die üppigen Spaltmaße überbrücken. Auch der Holzwurm war wohl mal zu Besuch.

Vorsichtig konnte ich den Tisch mit Korpuszwingen auseinander drücken. Mit dem Heißluftföhn habe ich zuvor die Leimstellen erwärmt.

Die Laufleisten der Schublade waren, bis auf kleine Reste in den Zapflöchern, komplett herausgebrochen. Der bestehende Ausschnitt in der Zarge erinnerte jedoch deutlich an die fehlende Schublade.

Die neuen Laufleisten entstanden durch L-Förmig verleimte Leisten aus Eiche Leimholz mit durchgehenden Lamellen und wurden an die bestehenden Zapflöcher angepasst. Der vertikale Teil wurde großzügig dimensioniert um den Tisch zusätzlich auszusteifen.

Auch der Korpus der Schubladen wurde aus Eiche Leimholz hergestellt. Die Ecken wurden im hinteren Teil der Schublade auf Gehrung verleimt. Flachdübel geben hier zusätzliche Stabilität. Die Eckausbildung im Bereich der Front erfolgte mittels Schwalbenschwanzverbindung. Die Zinken und Zapfen wurden von Hand gesägt und gestemmt – fürs „erste Mal“ bin ich sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Der Schubladenboden wurde aus 6mm starkem Multiplex „Birke“ hergestellt und umlaufend eingenutet. Ein schöner Kontrast zum Eichenholz und als Plattenwerkstoff sehr Formstabil.

Der Knauf besteht aus dem gleichen Leimholz und wurde mit einem Kreisschneider ausgeschnitten. Die Kanten wurden am Frästisch abgerundet. Die schmale Nut erleichtert das sichere Greifen mit den Fingerspitzen und wurde an der Standbohrmaschine „gedrechselt“. Der Dübel zur Befestigung des Knaufs wurde mit einem improvisierten Dübelseisen passend aus dem Eichenholz geschlagen, so dass das sichtbare Hirnholz nach der Oberflächenbehandlung den gleichen Kontrast bildet wie im Bereich der Zinken und Zapfen.

Die Oberfläche wurde geölt und anschließend gewachst. Das antike Holz des Tisches ist bei der Bearbeitung komplett erhalten geblieben. Der Einbau der Schublade erfolgte somit ohne Veränderungen am Bestand. Der Tisch setzt nun seine Reise fort und bereitet hoffentlich seiner Nutzerin noch viel Freude.